Geschrieben wurde u.a. auf: ARTE – Magazine 1997 / Tangram / favole d artista von Giancarlo Mariani 2000 / Kulturelemente N. 63, 2006 / Areaarte 2015 / Universum im Kleinen – Linossiart /

Für-wahr-nehmen Nachdenken Gestalten Sich zeigen
Zur Ausstellung 2017 in der Galeria Salvatore, Hall in Tirol
Wenn Markus Damini über das Ich und die Welt nachdenkt und das Erdachte in Bildern und Skulpturen sichtbar machen möchte, dann wird er gewissermaßen zum Surfer zwischen jenen Polaritäten der umgebenden wie der eigenen Natur , die er behauptet, die er sucht und die er findet, ob es sich nun um das Sowohl-als-auch des Lichtes als energetische Welle und Partikel handelt, oder um das Individuum, das Ich, in der reflektierenden Begegnung mit der Welt.
Damini kondensiert diese Wechselbeziehungen in den Materialien,
die er verwendet, kristalliert sie gewissermaßen zu Bildern und Formen aus, und fordert dann auch die Betrachter seiner Werke heraus, sich für eine Beziehungsaufnahme mit dem Kunstwerk herzugeben, das Bild oder die Form zu lesen und seine Aufsuche und Darstellung der Polaritäten nachzuvollziehen: Künstlerischer Ausdruck und Resonanz des Publikums bilden so eine weitere Polarität und einen Schlüssel zum Eintritt in Daminis „Vor-Stellungen“.
Den knappsten und doch umfassendsten Ausdruck dafür legt der Künstler vor, wenn er Römisch Eins und die Null als „IO“ (ital.: ich)
und zugleich als elektronische Weltformel“I0“ der Wissensver- und entschlüsselung kombiniert und als Chiffre variiert: vom leicht zu übersehenden Detail am Bildrand bis hin zum beherrschenden und sich im Unendlichen wie im Kleinsten erstreckenden Thema einer Stele.
Damini hat sich diese Chiffre für viele seiner Werke und eine längere Zeit seines Wirkens als Signatur gewählt; am Bildrand platziert schaut sie dann stellvertretend für den Künstler auf das geschaffene Bild und lädt den Betrachter -wenn er sie entdeckt- ein, ebenfalls diesen Blickwinkel zu erproben. Du schaust dann zum Beispiel als winzigkleines Etwas in den Makrokosmos der Pusteblume hinein, fragst dich aber zugleich, ob das nicht auch eine Vision des Urknalls oder die pantokratische Rosette einer Kathedrale sein könnte?
Ähnlich ergeht es einem bei den explizit auf das Licht und seine Doppelnatur als Welle und Teilchen gerichteten Bildern, in den Damini den Wandel und die Konstanz, die Wiederholung und die Veränderung von Elementen und ihren Verhältnissen anschaulich macht, wenn sie dem Licht in der einen oder anderen seiner Seinsweisen begegnen. Immer wieder wachen dann Fragen auf, was wen bewegt, welche Seite aktiv, welche passiv ist, wann die Reflexion fasziniert, wann die Dynamik des Anstosses, wann das scheinbar widerstandlose Durchgehn des Lichtes durch die Materie?
Fraglich bleibt auch immer, ob du gerade etwas siehst, das sich auf atomarer Ebene unter einem Elektronenmikroskop beobachten läßt, oder ob du in eine entlegene Galaxie ganz eigener Art schauen darfst. In der Betrachtung gerätst du dabei aber eher ins Erstaunen über diese extremen Alternativen, als daß du dich verstört fühlst; eher neigst du zur Neugier als dazu, dich abzuwenden, zumal wenn dir dann aufgeht, daß manches dieser Bilder von strenger geometrischer Ordnung ist und in einem schmucklosen, an sich nichtssagenden rechteckigen Rahmen hängt, als ob der Künstler nochmal eins draufsetzen und selbstironisch sagen wollte: Mikro- oder Makrokosmos – am Ende hängts halt doch einfach an der Wand!
Ein ähnliches Aufmerken passiert bei der Betrachtung der (in der Ausstellung nicht präsentierten) eigentlich naturalistischen Widergaben von bekannten Südtiroler Bergmassiven auf Leinwand, die Damini aber dadurch verfremdet, daß er sie entweder in das kalte Licht und die Schwarz-Weiss-Kontraste eines atmosphärelosen Mondes taucht oder sie wie durch die schlierige Luft eines Planeten mit völlig anderen atmosphärischen und Lichtverhältnisse aufscheinen läßt.
Auch hier üben die Gravitationszentren von Daminis Denken, Forschen und Schaffen ihre Wirkung aus:
Es ist eine Frage des Lichtes, wie befremdlich heimisch Vertrautes wirken kann; und es ist die Begrenztheit des eigenen Ich und seiner Wahrnehmungsmöglichkeiten, die die Welt und ihre Phänomene SO aufscheinen läßt, während die Wirklichkeit auch in unabsehbar vielen anderen Facetten aufscheinen könnte.
Daminis Kunst erprobt Perspektivwechsel und liefert dafür –metaphorisch gesprochen- auch noch die Wechselrahmen.
Du bekommst es also mit Bildern zu tun, die dich zum Denken anregen, die vom Rand bis zur Mitte und zurück studieren kannst. Was dich anschaut ist bild- oder formgewordene geistige Arbeit, die dich zum Forschen und Antworten animiert (ach ja, anima heißt Seele)ähnlich wie und zugleich ganz anders als ein an dich gerichtetes Wort, eine Ansprache.
Für einen bildenden Künstler bemerkenswert und hervorzuheben: Bei Damini geschieht das nicht als abstrakter Ausdruck eines Gemütszustandes, als beinahe gleichgültig entäußertes Manifest eines Lebensmomentes („ohne Titel!“), als namenlos gebliebenes ausgesetztes Kind des Geistes, sondern als im besten Sinne anschaulich gemachte Überlegung. Du kannst sie als unvollständig, stückhaft, ausschnittartig, verkürzt, formelhaft, „istantanea“ bezeichnen und ihre Vorläufigkeit und beschränkte Subjektivität kritisieren, wenn du es unbedingt böse meinen willst, aber das trifft den Künstler nicht, weil er genau darum weiss und diese Begrenztheit absichtsvoll mit gestaltet:
Keines von Daminis Bildern strebt nach photographischer Perfektion,
jedes hat klare geschnittene Grenzen und ein über zufälliges „so sein lassen wie es gekommen ist“ erhabenes gewähltes und gestaltetes Format.
Das erfordert sowohl Mut als auch Demut: Damini kennt seine persönlichen Grenzen und ahnt die des Menschenmöglichen, aber in dieser Bedingtheit wagt er zu denken und auszudrücken, was ihm in den Sinn kommt und bietet sich zum konkreten Dialog an. Den Mut haben viele Narzißten, die sich im grandiosen, dabei aber auch abstrakt und namenlos bleibenden Ausdrucksrausch üben, nicht.
Dr. Ingo Stermann
